Unreif

Befeuert vom Geist der Aufklärung, wollte Herr Mosekund als Whistleblower den Menschheitsfortschritt beschleunigen. Er würde ab sofort alle Missstände in der Hausgemeinschaft anprangern – und zwar in Form von anonymen Enthüllungen an der Wandzeitung im Hausflur. Um sein Inkognito zu wahren und die Nachbarn auf die falsche Spur zu locken, wollte er zunächst etwas über sich selbst enthüllen. Doch so lange er auch grübelte, ihm fiel nichts Anprangernswertes ein. Deshalb dachte er sich etwas aus. »Herr Mosekund war schon seit acht Wochen nicht beim Friseur. Der Whistleblower«, schrieb er auf einen Zettel und befestigte ihn nachts an der Wandzeitung.

Foto: Eine Pinnwand mit vielen bunten Zetteln

Als er am nächsten Tag zum Briefkasten ging, traute er seinen Augen nicht. Zahlreiche weitere Zettel hingen neben seiner Notiz: »Mosekund wird sowieso immer komischer.« – »Er ist ein Angeber, der penetrant mit seinem Wissen prahlt.« – »Herr M. glaubt wohl, er sei was Besseres. Niemandem bietet er das Du an.« – »Hat man jemals Damenbesuch bei ihm gesehen? Mit dem Kerl stimmt doch was nicht!« Und so weiter.
Nein, dachte Herr Mosekund enttäuscht und riss die Zettel von der Wand, diese Hausgemeinschaft ist für eine moderne öffentliche Meinungsbildung noch nicht reif!

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