Loslassen

Auf dem Bahnhof traf Herr Mose­kund einen alten Bekann­ten, mit dem er sich als­bald, wäh­rend sie auf ihren Zug war­te­ten, in ein Ge­spräch ver­tiefte. Es ging um die Frage, ob man sich in alles ein­mischen müsse oder die Dinge auch ein­mal ihren Gang gehen lassen könne.
Das Gespräch verlief einige Zeit har­mo­nisch, bis sie bei einer Mei­nungs­ver­schie­den­heit an­lang­ten, die sich bei nähe­rer Er­örte­rung als grund­legend ent­puppte. Der Mei­nungs­aus­tausch nahm an Heftig­keit und Länge zu, und weil der Zug Ver­spä­tung hatte und das Stehen an­stren­gend wurde, stütz­ten sie sich auf ein Ge­län­der am Rande des Bahn­steigs.
Schließlich fuhr der Zug ein. Erst jetzt be­merk­ten beide, dass das Bahn­steig­gelän­der frisch gestri­chen war. Herr Mose­kund, der wegen der emp­find­lichen Kühle Hand­schuhe trug, streifte sie ab, ließ sie am Ge­län­der hängen und ging zum Zug. Der Be­kannte aller­dings klebte mit der nack­ten Hand am Eisen fest.
»Sehen Sie«, rief ihm Herr Mose­kund zum Ab­schied zu, »man muss eben auch loslassen können!«

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