Lesereise

Herr Mosekund hatte bemerkt, dass er zu Hause kaum noch dazu kam, in Ruhe zu lesen. Immer­zu lenkte ihn etwas ab. Deshalb packte er eines Sonn­tags fünf dicke Bücher in eine Tasche und ging zum Bahn­hof. Dort kaufte er ein Schönes-Wochen­ende-Ticket sowie eine Platz­karte und setzte sich in den nächs­ten Zug Rich­tung Meer. Es war wunder­bar. Der Zug hielt in jedem Provinz­nest, die Leute dräng­ten herein und hinaus, voller Vor­freude auf den Urlaub. Herr Mose­kund saß still in seiner Ecke und las. Nur einmal, am Meer, musste er um­steigen, um den Rück­weg anzu­treten.

Lesereise: Ein Bahngleis führt durch die Landschaft - der Himmel leuchtet im Abendrot

Als er am späten Sonntag­abend wieder zu Hause an­kam, traf er einen Nach­barn. »Haben Sie einen Aus­flug unter­nom­men?«, erkun­digte sich dieser.
»Ja«, antwortete Herr Mosekund, »ich war auf Lesereise.«
»Oh«, sagte der Nach­bar mit Ehr­furcht in der Stimme, »ich wusste ja gar nicht, dass Sie Bücher …«
»Ja, fünf Stück, hinter­ein­ander­­weg«, sagte Herr Mose­kund fröhlich.
»Hatte denn Ihre Lesereise viele Sta­tionen?«
»Sehr viele, und überall herrschte ein An­drang – ich kann Ihnen sagen …«
»Es war also ein Erfolg?«, wollte der Nach­bar noch wissen.
»Voll und ganz«, erwiderte Herr Mose­kund, klopfte auf seine Tasche und ging davon, wäh­rend der Nach­bar ihm mit großen runden Augen hinter­her sah.

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