Abgeregt

Um sich den­ Zuständen zu wider­setzen und unter dem Eindruck einer Bro­schüre mit dem Titel »Empört euch!«, hatte Herr Mose­kund be­schlos­sen, einen Tag des Zorns ein­zu­legen.
Zorn: Piktogramm Geballte Faust
Er machte sich früh­morgens auf den Weg und schnauzte einen Nach­barn an, der ihn freund­lich ge­grüßt hatte. Einem Auto­fahrer, der ihm beim Über­queren der Straße den Vor­tritt ließ, zeigte er – auch wenn es ganz gegen seine Art war – den er­hobe­nen Mittel­finger. Im Kaffee­haus ver­langte er, als die Kell­ne­rin ihn fragte, ob er noch etwas wünsche, auf­ge­bracht den Ge­schäfts­füh­rer zu sprechen.
Am Nachmittag spürte Herr Mose­kund, wie sich eine läh­mende Er­mat­tung über Geist und Körper legte. Dass der Zorn so anstren­gend sein würde, hatte er nicht er­wartet.
Als er – wieder zu Hause – einen Brief vom Finanz­amt öffnete, in dem man ihm fälsch­licher­weise Frist­über­schrei­tung und Ur­kunden­mani­pu­la­tion vor­warf sowie die un­ver­züg­liche Erstat­tung einer hor­ren­den an­geb­lichen Steuer­schuld ab­ver­langte, winkte Herr Mose­kund nur müde ab und warf das Schrei­ben in den Papier­korb. Man kann sich, dachte er, nicht über alles auf­regen.

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